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Wer schaut hier wen an?

Sie schweigen. Und doch sprechen sie über alles, was wir nicht sehen wollen. Gert Gschwendtners Betrachterfiguren im Dialog mit der Wahrnehmung



Kunstobjekt Gert Gschwendtner-Teppich-Manipur-1997
Die Betrachterfiguren der Ausstellung „Tannennadelweg 2020“ richten ihren Blick gemeinsam mit dem Betrachter in die Ferne.

Manchmal steht man irgendwo in der Landschaft, denkt an nichts Besonderes und plötzlich fühlt man sich gesehen. Nicht von einem Menschen, sondern von etwas Ruhigem, Wortlosem. Eine dieser Gestalten mit goldenen Augen vielleicht, halb Mensch, halb Gedanke. Die Betrachterfiguren von Gert Gschwendtner sind solche Wesen. Sie blicken still aus ihrer Kunstwelt in unsere Alltagskulisse, als würden sie uns in unserem Denken ertappen. Und genau da, in dieser feinen Irritation, beginnt etwas Ungewöhnliches: Das Kunstwerk schaut zurück.


Zwischen: Blick und Bewusstsein

Man stelle sich das vor: Ein paar Figuren mit erhobenen Köpfen. Sie schauen ins Tal, aufs Licht, auf nichts, oder vielleicht auf dich. Wenn man sich zu ihnen stellt, steht man mitten im Feld der Wahrnehmung. Beobachter und Objekt, Blick und Gegenschau, alles verschiebt sich. So simpel die Skulpturen wirken, so tief ist ihre Wirkung. Sie führen vor, dass Wahrnehmen ein aktiver Prozess ist, fast eine Art Denksport. Und vielleicht auch ein emotionaler. Denn wer sich selbst beim Beobachten ertappt, erlebt, wie flüchtig die Grenze zwischen Innen und Außen wird.



Hoch oben auf dem GedankenBerg stehen die Betrachterfiguren „Rücksicht“. Besucher:innen können hier innehalten, die Perspektive wechseln und sich auf ein ungewöhnlich stilles Gespräch einlassen.


Ursprung in der Toskana

Die Geschichte begann nicht im Atelier, sondern draußen, in der toskanischen Landschaft. Holzstücke, Steine, einfache Materialien, fast wie ein Spiel mit der Erde selbst. Gschwendtner band Texte und Zeichnungen daran, ließ die Gebilde zu Wegmarken werden. Kleine Anfänge, provisorische Zeichen. Später bekamen sie Köpfe. Ohne Augen, damit sie überall hinsehen können. Ohne Mund, weil sie schweigen müssen. Diese Reduktion ist radikal und doch so menschlich. Was bleibt, ist das Sehen selbst, das pure Beobachten.



Das Wort klingt sperrig, oder? Neurophilosophie. Doch was Gschwendtner hier tut, ist im Kern genau das: Er verschränkt Denken und Wahrnehmen, Gefühl und Erkenntnis. Seine Betrachterfiguren erinnern daran, dass Bewusstsein nicht im Kopf allein entsteht, sondern im Raum zwischen Dingen, Gedanken, Begegnungen. Jede Figur ist eine Einladung zur inneren Bewegung. Zum bewussten Sehen. Zum Nachdenken über das, was sichtbar und unsichtbar ist. Und, vielleicht, zum liebevollen Zweifel an der eigenen Gewissheit.


„Die Betrachter vom GedankenBerg beginnen ihren langen Weg zu den Betroffenen von Gewalt und geistiger Verführung.
Sie besuchen jene, die noch ihre Verführer bewundern und zu irgendwelchen völkischen Gemeinschaften gehören wollen.
Die Betrachter besuchen auch die bewusst und aktiv Lebenden, die von den schamlosen Fälschern des Sichtbaren belästigt werden.
Zuhause in ihrem Denken werden sie ermuntert zur liebevollen Selbständigkeit.“
 Gert Gschwendtner
Die Betrachterfigur „Die Würde“ steht im öffentlichen Kunstpark GedankenBerg in Sevelen.
Die Betrachterfigur „Die Würde“ steht im öffentlichen Kunstpark GedankenBerg in Sevelen.

In diesen Worten wird klar: Es geht nicht nur um Kunst. Es geht um Aufmerksamkeit, um Widerstand gegen geistige Trägheit. Die Betrachterfiguren sind stille Teilnehmer eines größeren Dialogs mit der Gesellschaft. Sie nehmen Haltung ein, durch ihr bloßes Dasein.


Und dann… schaut jemand zurück

Vielleicht steht man irgendwann wieder irgendwo auf einem Hügel. Nebel, Wind, ferne Geräusche. Eine Betrachterfigur neben dir, schweigend, goldenäugig. Und man merkt plötzlich: Das Kunstwerk ist nicht dort drüben. Es ist längst in einem selbst angekommen.


 

Jede Betrachterfigur ist ein Unikat – mit eigenem Ausdruck und stiller Präsenz. Wenn Sie eine Figur in Ihre Sammlung aufnehmen möchten, freuen wir uns auf Ihr Interesse und Gespräch.


 
 
 

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