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Wir müssen über Kitsch sprechen


Schon Umberto Eco sagte, Kitsch seien „vorgefertigte Emotionen“. In seinen Briefen schreibt der Künstler Gert Gschwendtner an die Kunstfigur und seinen diskursiven Partner Zenz. Das Thema heute, was hat es eigentlich mit dem Kitsch auf sich?


Kunstobjekt Gert Gschwendtner-Teppich-Manipur-1997
Die "Kitsch- oder Hirnbürste" von Gert Gschwendtner hilft, die gedankliche Hygiene zu bewahren.

Lieber Zenz,


Kitsch ist so ein besonderes Hobby von mir noch aus meiner Studentenzeit in München. Das Wort stammt angeblich eben aus München. Laut Egon Erwin Kisch wurde es in der zeiten Hälfte des 19. Jhdts. geprägt von Kunsthändlern mit jiddischem Dialekt. Dieses München war eine Metropole des Kunsthandels und eben auch eine Oase der unlauteren Aktivitäten, im Bereich der Kunst. Die Fälschung von Originalen und die schönfärberische Arbeit im Stile von X war sehr stark verbreitet und hat, so Egon Kisch die Bezeichnung Kitschen bekommen, in einschlägigen Kreisen. Kitsch bezeichnet also ein betrügerischer Umgang mit der hochgeachteten Kulturtechnik Kunst. Kitsch ist also Wertebruch um des Profites Willen.


Und was ich die dramatische Form des Kitsches nenne ist der Wertebruch mit hoher demagogischer Perfektion, der politisch zu totalitären Systemen führt.Kitsch kann also vom lässlichen Verstoss der guten Sitten bis zur Diktatur führen. Die Walt Disney Kulturinitiative verpackte Gedankengut der Nazis in scheinbare kindliche Lustigkeit und erzählte sozialdarwinistische Märchen in Tierfilmen, Dokumentationen und dramatischen Geschichten um Gewalttätigkeit und Willkür als naturgegebene Gesetzmässigkeiten zu etablieren. Dieses sogenannte Recht des Stärkeren wurde zum Credo einer Gesellschaft, die jetzt offen ein schamloses Diktat der Oligarchen lebt. Walt Disney sagte in einer Konferenz: ein dummes Volk lässt sich bequem regieren. die Disneykultur war Leitkultur und die Disney Company war bis zum Ende des 20. Jhdts. quasi von Steuern befreit.



Kitsch lohnt sich für wenige, verblödet und ist seit der Antike ein beliebtes Instrument. Die Demagogie verwendet den Kitsch als Instrument und schon Sokrates ärgert sich drüber. Die Inszenierungen der Faschisten und der Nazis sind klassischer Kitsch, konsumierbare Verblödung und Rekrutierung in terroristische Einheiten. Kitsch ist ein Symptom im kapitalistischen Gesellschaftskörper, würde wohl Max Weber sagen. Soviel zu meiner vielleicht übertriebenen, Abneigung des Kitsches.


Einen frohen kitschfreien Abend,

Gert

 

Alle Schriften von Gert Gschwendtner zu seinen Kitsch- und Hirnbürsten können hier erworben werden.


 
 
 

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