top of page

Ein paar Minuten Frieden


1997 wird Gert Gschwendtner von der UNESCO nach Imphal in Manipur/Indien eingeladen, um an einem neuen Artikel in den Menschenrechten, zu einer„einer Kultur des Friedens” mit zu arbeiten. Schauplatz ist das vom Bürgerkrieg erschütterte Manipur, ein ehemaliges Fürstentum, das mit dem Abzug der britischen Großmacht Indien zugesprochen wird. Die Bevölkerung wehrt sich – zahlreiche Freiheitskämpfer ringen um ihre Unabhängigkeit, auch mit Gewalt. Und mittendrin soll nun ein Künstler erklären, was Frieden ist? Das ist eine Geschichte aus Manipur.


Kunstobjekt Gert Gschwendtner-Teppich-Manipur-1997
1997: Der gemalene Teppich von Gert Gschwendtner wird 1997 zum Verhandlungsraum zwischen den verfeindeten Parteien, dem Gouverneur von Manipur und dem Vertreter der Untergrundbewegung.

Ich setze die Füße auf den Boden, der keinen Frieden hat, auch nicht für mich. Manipur – auf der Karte ein Fleck im Nordosten Indiens, tief vergraben zwischen Bergen, weit ab vom Rest der Welt. Bürgerkrieg, heißt es, ein Ort für Außenseiter. Ausländer sind unerwünscht, selbst der deutsche Militärattache bleibt lieber weg. Also komme ich an als der Fremde, als Künstler, der in ein Land soll, in dem alle bewaffnet sind und die Ruhe so dünn, dass man sie brechen könnte, nur indem man sie anschaut.

 

Am Flughafen warten eine Limousine und der Gouverneur. Er zieht mich ins Auto. Die Straßen haben sie verbaut mit Betonblöcken, überall Kontrollpunkte, Männer mit Pistolen und Maschinengewehren. Wer sind wir hier? Ich? Ein Künstler? Ja, genau, Künstler. Wenn ich das sage, schauen die Leute, als wäre ich einer, der für das Wetter verantwortlich ist.

 

Wir fahren zum „Gouverneurspalast“, so nennen sie das. Aber er ist ein britisches Erbe und sieht aus wie der Spielplatz eines alten Imperialisten. Mir wird ein Zimmer zugeteilt, das schiefe Böden und Wände hat. Aber es ist der einzige Ort, an dem ich schlafen kann, und also tue ich das. Abends höre ich die Soldaten vor meiner Tür, Maschinengewehre im Anschlag, aber ich weiß nicht, ob sie mich schützen oder beobachten.

 

Am ersten Tag fahren sie mich ins Stadion, ein riesiges Loch aus Beton und Blech, wo sie mich vor Hunderte Menschen stellen. Die Leute dort unten schreien, die meisten sind bewaffnet. Auf der Tribüne stehen die Offiziellen der Regierung und noch einige Delegierte der Vereinten Nationen in Anzügen, feiner Stoff, angespannte Gesichter. Und ich soll da hin und über Frieden sprechen. Worte, die sich mit den Gewehren dort unten beißen, die sich gegen die Unterdrückung richten.

 

Viele Tage werden nun Gespräche und Verhandlungen geführt. Am Ende wird es einen neuen Absatz für die Friedenserklärung geben, der Bürgerkrieg ist damit aber nicht beendet. Und weil das so ist, packe ich ein vor meiner Abreise  bemaltes Tuch aus, ein Stück Stoff, das ich zuvor auf einem flachen Dach ausgespannt habe, um es zu bemalen. Ich breite es vor dem Gouverneur aus und versperre damit den Ausgang. Ich lade ihn ein, darauf zu treten. „Kommen Sie“, sage ich, „zeigen Sie mir, dass Sie bereit sind, neutrales Land zu betreten, auf dem sie mit ihren Feinden verhandeln können.“ Der Gouverneur zögert, seine Schuhe drücken auf den Beton, als wolle er ihn zerkratzen, aber dann geht er doch darauf. Die Presse knipst, klickt, als wäre das alles von Bedeutung. Wir stehen da, zwei Männer auf einem Tuch, das nichts ist als Farbe und Stoff, aber in dem Moment wird es zum Mittelpunkt, zum Ort, auf dem wir uns begegnen. 

 


Kunstobjekt Gert Gschwendtner-Teppich-Manipur-1997-Details

Dann winke ich den Anführer der Untergrundbewegung herbei. Er hat die Kapuze tief im Gesicht, dann zieht er sie ab, weil er auch will, dass man ihn sieht. Drei Menschen auf einem Tuch, das nun zu exterritorialem Boden geworden ist. Wir sprechen nicht. Wir stehen einfach da und hoffen, dass das Bild bleibt, dass die Leute uns sehen und für einen Moment denken, dass es Frieden geben könnte, in diesem Land. Es ist absurd und schwer und schön. Und es ist das Einzige, was ich ihnen da lassen kann. Die Möglichkeit für friedliche Gespräche zu bereiten.

 

Danach verschwinden die Soldaten vor meinem Zimmer, und ich weiß, jetzt bin ich allein. Die Untergrundleute nehmen sich meiner Sicherheit an, eine Ironie des Schicksals, als wäre der Krieg mir jetzt näher als vorher. Sie bringen mich zum Flughafen, ein Sikh mit Bart und Turban stellt sich an meine Seite, kein Wort, aber er sorgt dafür, dass ich weiterkomme. Er bringt mich bis zum Flugzeug, eine zwielichtige Maschine.

 

Ein Taxifahrer, den ich nicht kenne, bringt mich zurück in meine Wohnung in Kalkutta. Zurück in ein Leben, das ich vor ein paar Tagen hinter mir gelassen habe. Der Krieg bleibt in Manipur, das Tuch bleibt auf den Treppen, die Erinnerungen bleiben in mir. 

 

Und das ist es, was ich gelernt habe: Kunst kann dorthin gehen, wo die Worte nicht hinkommen. Sie kann Frieden schaffen, einen Moment lang, wo alles andere scheitert. Ein Stück Stoff, ein paar Farben, die unter unseren Füßen liegen wie ein zerbrechliches Versprechen. Und mehr ist es nicht. Mehr ist es nie. Aber manchmal reicht das.


 
 
 

Kommentare


bottom of page