Hirschschatten
- Gert Gschwendtner

- 5. Aug.
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 14 Stunden

Am GedankenBerg in Sevelen ist im Mai 2026 ein neues Werk entstanden: der Hirschschatten.
Geschrieben und gemalt zugleich, wie bei Gschwendtner üblich. Von weitem sieht man einen Hirsch, rot, aufgerichtet mit einem grossen Geweih. Tritt man näher, erweitert sich der Korpus um ein Textfeld. Sein Körper besteht nicht mehr nur aus Farbe, sondern auch aus tausenden von Hand geschriebenen Worten. Ein Hirsch, der ein Text ist. Die Geweihstangen tragen nur ein Wort, immer wieder: Hirschschatten.
Gschwendtner erzählt von der Hirschkultur als einer Kultur unter vielen, mit eigener Sprache, eigenen Hierarchien, eigenen Strategien des Fliehens. Und er erzählt von uns, die wir glauben, sie zu verstehen. Wir beobachten, wir lernen Bruchstücke ihrer Sprache, und sind dann verwundert, wenn der Hirsch abends nicht den Klee frisst und nicht auf den Jäger wartet, sondern ins Gebüsch springt und weg ist. Übrig bleiben unsortierte Gedanken.

Darin liegt der Kern des Bildes. Gschwendtners Arbeit wurzelt in der Neurophilosophie: Unsere Wahrnehmung liefert nie ein direktes Abbild der Welt, sondern immer unsere eigene Konstruktion. «Wir können nicht fühlen wie Hirschwesen», schreibt er. Der Hirschschatten zeigt genau das, die Kontur eines Wesens, dessen Inneres uns verschlossen bleibt. Eine Form, in die wir hineinsehen und doch nur uns selbst finden.
„Es gibt keine Naturgesetze, es gibt nur sehr ähnliche Beobachtungen. Der Hirsch beobachtet uns, während wir ihn lesen.“ Gert Gschwendtner

Schatten und Schichten
Der Hirschschatten gehört zu Gschwendtners Schattenbildern. Sie verzichten auf das Detail im Inneren und legen alles in die transparente Hülle. Wer einen Schatten betrachtet, betrachtet immer auch sich selbst. Es ist dieselbe Geste wie 2013, als der Künstler im Sprung versuchte, seinen eigenen Schatten zu fangen.
Dazu kommt seine Technik der Schichten, dem Palimpsest verwandt. Durchscheinende Aquarelle, grüne Wortfelder im Hintergrund wie Wiesen, darüber die deckende Handschrift, aus der das Tier besteht. Man kann das Bild ansehen oder lesen. Beides ergänzt sich zu etwas Neuem.
Die Jagd und die domestizierten Gefühle
Das Werk hat eine Schärfe, die man nicht überlesen sollte. Gschwendtner spricht von der Jagd als Männlichkeitsritual, vom Geweih, das am Ende nur die Männlichkeit des Jägers schmückt. Er spricht von Menschen, die Dominanz für ein Naturgesetz halten und damit ihre Willkür rechtfertigen, auf Kosten der Welt und der Hirsche. Der Hirsch wird zum Spiegel. Was wir den Tieren antun, sagt mehr über uns als über sie.

Trotzdem endet das Bild nicht in der Anklage, sondern in Hoffnung. «Es gibt sehr lebendige Hirsche», schreibt Gschwendtner, «und sie leben noch heute, und sie werden weiter dazulernen», wie auch ihre Jäger und Verehrer, bis irgendwann eine Vernunft die gewaltigen Gefühle domestiziert. Als Hoffnung der Hirsche.
Es ist dieselbe Haltung wie damals in Manipur, als er ein bemaltes Tuch zwischen verfeindete Parteien legte. Kunst, die nichts erzwingt und nichts beweist. Ein Hirsch aus Farbe und Schrift, der unter unseren Blicken steht wie ein zerbrechliches Versprechen.




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