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- Wer schaut hier wen an?
Sie schweigen. Und doch sprechen sie über alles, was wir nicht sehen wollen. Gert Gschwendtners Betrachterfiguren im Dialog mit der Wahrnehmung Die Betrachterfiguren der Ausstellung „Tannennadelweg 2020“ richten ihren Blick gemeinsam mit dem Betrachter in die Ferne. Manchmal steht man irgendwo in der Landschaft, denkt an nichts Besonderes und plötzlich fühlt man sich gesehen. Nicht von einem Menschen, sondern von etwas Ruhigem, Wortlosem. Eine dieser Gestalten mit goldenen Augen vielleicht, halb Mensch, halb Gedanke. Die Betrachterfiguren von Gert Gschwendtner sind solche Wesen. Sie blicken still aus ihrer Kunstwelt in unsere Alltagskulisse, als würden sie uns in unserem Denken ertappen. Und genau da, in dieser feinen Irritation, beginnt etwas Ungewöhnliches: Das Kunstwerk schaut zurück. Zwischen: Blick und Bewusstsein Man stelle sich das vor: Ein paar Figuren mit erhobenen Köpfen. Sie schauen ins Tal, aufs Licht, auf nichts, oder vielleicht auf dich. Wenn man sich zu ihnen stellt, steht man mitten im Feld der Wahrnehmung. Beobachter und Objekt, Blick und Gegenschau, alles verschiebt sich. So simp el die Skulpturen wirken, so tief ist ihre Wirkung. Sie führen vor, dass Wahrnehmen ein aktiver Prozess ist, fast eine Art Denksport. Und vielleicht auch ein emotionaler. Denn wer sich selbst beim Beobachten ertappt, erlebt, wie flüchtig die Grenze zwischen Innen und Außen wird. Hoch oben auf dem GedankenBerg stehen die Betrachterfiguren „Rücksicht“. Besucher:innen können hier innehalten, die Perspektive wechseln und sich auf ein ungewöhnlich stilles Gespräch einlassen. Ursprung in der Toskana Die Geschichte begann nicht im Atelier, sondern draußen, in der toskanischen Landschaft. Holzstücke, Steine, einfache Materialien, fast wie ein Spiel mit der Erde selbst. Gschwendtner band Texte und Zeichnungen daran, ließ die Gebilde zu Wegmarken werden. Kleine Anfänge, provisorische Zeichen. Später bekamen sie Köpfe. Ohne Augen, damit sie überall hinsehen können. Ohne Mund, weil sie schweigen müssen. Diese Reduktion ist radikal und doch so menschlich. Was bleibt, ist das Sehen selbst, das pure Beobachten. Das Wort klingt sperrig, oder? Neurophilosophie. Doch was Gschwendtner hier tut, ist im Kern genau das: Er verschränkt Denken und Wahrnehmen, Gefühl und Erkenntnis. Seine Betrachterfiguren erinnern daran, dass Bewusstsein nicht im Kopf allein entsteht, sondern im Raum zwischen Dingen, Gedanken, Begegnungen. Jede Figur ist eine Einladung zur inneren Bewegung. Zum bewussten Sehen. Zum Nachdenken über das, was sichtbar und unsichtbar ist. Und, vielleicht, zum liebevollen Zweifel an der eigenen Gewissheit. „Die Betrachter vom GedankenBerg beginnen ihren langen Weg zu den Betroffenen von Gewalt und geistiger Verführung. Sie besuchen jene, die noch ihre Verführer bewundern und zu irgendwelchen völkischen Gemeinschaften gehören wollen. Die Betrachter besuchen auch die bewusst und aktiv Lebenden, die von den schamlosen Fälschern des Sichtbaren belästigt werden. Zuhause in ihrem Denken werden sie ermuntert zur liebevollen Selbständigkeit.“ Gert Gschwendtner Die Betrachterfigur „Die Würde“ steht im öffentlichen Kunstpark GedankenBerg in Sevelen. In diesen Worten wird klar: Es geht nicht nur um Kunst. Es geht um Aufmerksamkeit, um Widerstand gegen geistige Trägheit. Die Betrachterfiguren sind stille Teilnehmer eines größeren Dialogs mit der Gesellschaft. Sie nehmen Haltung ein, durch ihr bloßes Dasein. Und dann… schaut jemand zurück Vielleicht steht man irgendwann wieder irgendwo auf einem Hügel. Nebel, Wind, ferne Geräusche. Eine Betrachterfigur neben dir, schweigend, goldenäugig. Und man merkt plötzlich: Das Kunstwerk ist nicht dort drüben. Es ist längst in einem selbst angekommen. Jede Betrachterfigur ist ein Unikat – mit eigenem Ausdruck und stiller Präsenz. Wenn Sie eine Figur in Ihre Sammlung aufnehmen möchten, freuen wir uns auf Ihr Interesse und Gespräch.
- Wir müssen über Kitsch sprechen
Schon Umberto Eco sagte, Kitsch seien „vorgefertigte Emotionen“. In seinen Briefen schreibt der Künstler Gert Gschwendtner an die Kunstfigur und seinen diskursiven Partner Zenz. Das Thema heute, was hat es eigentlich mit dem Kitsch auf sich? Die "Kitsch- oder Hirnbürste" von Gert Gschwendtner hilft, die gedankliche Hygiene zu bewahren. Lieber Zenz, Kitsch ist so ein besonderes Hobby von mir noch aus meiner Studentenzeit in München. Das Wort stammt angeblich eben aus München. Laut Egon Erwin Kisch wurde es in der zeiten Hälfte des 19. Jhdts. geprägt von Kunsthändlern mit jiddischem Dialekt. Dieses München war eine Metropole des Kunsthandels und eben auch eine Oase der unlauteren Aktivitäten, im Bereich der Kunst. Die Fälschung von Originalen und die schönfärberische Arbeit im Stile von X war sehr stark verbreitet und hat, so Egon Kisch die Bezeichnung Kitschen bekommen, in einschlägigen Kreisen. Kitsch bezeichnet also ein betrügerischer Umgang mit der hochgeachteten Kulturtechnik Kunst. Kitsch ist also Wertebruch um des Profites Willen. Und was ich die dramatische Form des Kitsches nenne ist der Wertebruch mit hoher demagogischer Perfektion, der politisch zu totalitären Systemen führt.Kitsch kann also vom lässlichen Verstoss der guten Sitten bis zur Diktatur führen. Die Walt Disney Kulturinitiative verpackte Gedankengut der Nazis in scheinbare kindliche Lustigkeit und erzählte sozialdarwinistische Märchen in Tierfilmen, Dokumentationen und dramatischen Geschichten um Gewalttätigkeit und Willkür als naturgegebene Gesetzmässigkeiten zu etablieren. Dieses sogenannte Recht des Stärkeren wurde zum Credo einer Gesellschaft, die jetzt offen ein schamloses Diktat der Oligarchen lebt. Walt Disney sagte in einer Konferenz: ein dummes Volk lässt sich bequem regieren. die Disneykultur war Leitkultur und die Disney Company war bis zum Ende des 20. Jhdts. quasi von Steuern befreit. Kitsch lohnt sich für wenige, verblödet und ist seit der Antike ein beliebtes Instrument. Die Demagogie verwendet den Kitsch als Instrument und schon Sokrates ärgert sich drüber. Die Inszenierungen der Faschisten und der Nazis sind klassischer Kitsch, konsumierbare Verblödung und Rekrutierung in terroristische Einheiten. Kitsch ist ein Symptom im kapitalistischen Gesellschaftskörper, würde wohl Max Weber sagen. Soviel zu meiner vielleicht übertriebenen, Abneigung des Kitsches. Einen frohen kitschfreien Abend, Gert Alle Schriften von Gert Gschwendtner zu seinen Kitsch- und Hirnbürsten können hier erworben werden.
- Ein paar Minuten Frieden
1997 wird Gert Gschwendtner von der UNESCO nach Imphal in Manipur/Indien eingeladen, um an einem neuen Artikel in den Menschenrechten, zu einer„einer Kultur des Friedens” mit zu arbeiten. Schauplatz ist das vom Bürgerkrieg erschütterte Manipur, ein ehemaliges Fürstentum, das mit dem Abzug der britischen Großmacht Indien zugesprochen wird. Die Bevölkerung wehrt sich – zahlreiche Freiheitskämpfer ringen um ihre Unabhängigkeit, auch mit Gewalt. Und mittendrin soll nun ein Künstler erklären, was Frieden ist? Das ist eine Geschichte aus Manipur. 1997: Der gemalene Teppich von Gert Gschwendtner wird 1997 zum Verhandlungsraum zwischen den verfeindeten Parteien, dem Gouverneur von Manipur und dem Vertreter der Untergrundbewegung. Ich setze die Füße auf den Boden, der keinen Frieden hat, auch nicht für mich. Manipur – auf der Karte ein Fleck im Nordosten Indiens, tief vergraben zwischen Bergen, weit ab vom Rest der Welt. Bürgerkrieg, heißt es, ein Ort für Außenseiter. Ausländer sind unerwünscht, selbst der deutsche Militärattache bleibt lieber weg. Also komme ich an als der Fremde, als Künstler, der in ein Land soll, in dem alle bewaffnet sind und die Ruhe so dünn, dass man sie brechen könnte, nur indem man sie anschaut. Am Flughafen warten eine Limousine und der Gouverneur. Er zieht mich ins Auto. Die Straßen haben sie verbaut mit Betonblöcken, überall Kontrollpunkte, Männer mit Pistolen und Maschinengewehren. Wer sind wir hier? Ich? Ein Künstler? Ja, genau, Künstler. Wenn ich das sage, schauen die Leute, als wäre ich einer, der für das Wetter verantwortlich ist. Wir fahren zum „Gouverneurspalast“, so nennen sie das. Aber er ist ein britisches Erbe und sieht aus wie der Spielplatz eines alten Imperialisten. Mir wird ein Zimmer zugeteilt, das schiefe Böden und Wände hat. Aber es ist der einzige Ort, an dem ich schlafen kann, und also tue ich das. Abends höre ich die Soldaten vor meiner Tür, Maschinengewehre im Anschlag, aber ich weiß nicht, ob sie mich schützen oder beobachten. Am ersten Tag fahren sie mich ins Stadion, ein riesiges Loch aus Beton und Blech, wo sie mich vor Hunderte Menschen stellen. Die Leute dort unten schreien, die meisten sind bewaffnet. Auf der Tribüne stehen die Offiziellen der Regierung und noch einige Delegierte der Vereinten Nationen in Anzügen, feiner Stoff, angespannte Gesichter. Und ich soll da hin und über Frieden sprechen. Worte, die sich mit den Gewehren dort unten beißen, die sich gegen die Unterdrückung richten. Viele Tage werden nun Gespräche und Verhandlungen geführt. Am Ende wird es einen neuen Absatz für die Friedenserklärung geben, der Bürgerkrieg ist damit aber nicht beendet. Und weil das so ist, packe ich ein vor meiner Abreise bemaltes Tuch aus, ein Stück Stoff, das ich zuvor auf einem flachen Dach ausgespannt habe, um es zu bemalen. Ich breite es vor dem Gouverneur aus und versperre damit den Ausgang. Ich lade ihn ein, darauf zu treten. „Kommen Sie“, sage ich, „zeigen Sie mir, dass Sie bereit sind, neutrales Land zu betreten, auf dem sie mit ihren Feinden verhandeln können.“ Der Gouverneur zögert, seine Schuhe drücken auf den Beton, als wolle er ihn zerkratzen, aber dann geht er doch darauf. Die Presse knipst, klickt, als wäre das alles von Bedeutung. Wir stehen da, zwei Männer auf einem Tuch, das nichts ist als Farbe und Stoff, aber in dem Moment wird es zum Mittelpunkt, zum Ort, auf dem wir uns begegnen. Dann winke ich den Anführer der Untergrundbewegung herbei. Er hat die Kapuze tief im Gesicht, dann zieht er sie ab, weil er auch will, dass man ihn sieht. Drei Menschen auf einem Tuch, das nun zu exterritorialem Boden geworden ist. Wir sprechen nicht. Wir stehen einfach da und hoffen, dass das Bild bleibt, dass die Leute uns sehen und für einen Moment denken, dass es Frieden geben könnte, in diesem Land. Es ist absurd und schwer und schön. Und es ist das Einzige, was ich ihnen da lassen kann. Die Möglichkeit für friedliche Gespräche zu bereiten. Danach verschwinden die Soldaten vor meinem Zimmer, und ich weiß, jetzt bin ich allein. Die Untergrundleute nehmen sich meiner Sicherheit an, eine Ironie des Schicksals, als wäre der Krieg mir jetzt näher als vorher. Sie bringen mich zum Flughafen, ein Sikh mit Bart und Turban stellt sich an meine Seite, kein Wort, aber er sorgt dafür, dass ich weiterkomme. Er bringt mich bis zum Flugzeug, eine zwielichtige Maschine. Ein Taxifahrer, den ich nicht kenne, bringt mich zurück in meine Wohnung in Kalkutta. Zurück in ein Leben, das ich vor ein paar Tagen hinter mir gelassen habe. Der Krieg bleibt in Manipur, das Tuch bleibt auf den Treppen, die Erinnerungen bleiben in mir. Und das ist es, was ich gelernt habe: Kunst kann dorthin gehen, wo die Worte nicht hinkommen. Sie kann Frieden schaffen, einen Moment lang, wo alles andere scheitert. Ein Stück Stoff, ein paar Farben, die unter unseren Füßen liegen wie ein zerbrechliches Versprechen. Und mehr ist es nicht. Mehr ist es nie. Aber manchmal reicht das.


